Diesen Text als PDF-Broschüre herunterladen (wurde bereits 115 x heruntergeladen)
Download-Link:
http://www.diy-bibliothek.org/doering/warum_lassen_menschen_sich_regieren/herunterladen
Helge Döring - Warum eigentlich lassen Menschen sich regieren?
Ein sozial-psychologischer Erklärungsansatz aus Rudolf Rockers Werk "Nationalismus und
Kultur" nicht nur für die "Phänomene" Hitler und Stalin. Dieser Text ist ein thematisch
eingegrenzter Zusammenschnitt aus der bei FAU-MAT erschienenen Broschüre "Der Kampf
der Kulturen gegen Macht und Staat in der Geschichte der Menschheit - Eine Ausarbeitung zu
Rudolf Rockers Werk "Nationalismus und Kultur".
In seinem Hauptwerk "Nationalismus und Kultur" äußert sich Rudolf Rocker zu der Frage der
Entstehung von Herrschaftsverhältnissen nicht alleine aus einer materialistischen Sichtweise
heraus. Er geht auch auf die Frage ein, wie sich im Verlaufe der Geschichte die Akzeptanz von
Autorität und Herrschaft in den Köpfen der Menschen festsetzen konnte. Welches sind die
sozial-psychologischen Voraussetzungen für Massenverehrungen, Führerkulte oder schlicht
Staatlichkeit ?
Ich verstehe diesen Text als Beitrag zur Ausformung einer anarcho-syndikalistischen
Geschichtsbetrachtung, welche wir benötigen, um - von den Geschichtsverklärern von rechts
und links unabhängig - auf unseren Erfahrungen und die unserer VorgängerInnen aufbauend,
die zukünftige Gesellschaft in einem freiheitlich-emanzipatorischen Sinne gestalten zu können.
Damit möchte ich das Buch "Nationalismus und Kultur" sehr empfehlen und noch mal darauf
hinweisen, dass der folgende Artikel nur eine sehr komprimierte Darstellung bietet. Die
Anmerkungen beziehen sich auf die 1999 in Münster erschienene Ausgabe der Bibliothek
Theleme.
Um Missverständnissen vorzubeugen:
Die Herausarbeitung einer eigenen anarcho-syndikalistischen Geschichtsinterpretation
beinhaltet selbstverständlich immer auch die Auseinandersetzung mit anderen
Geschichtsauffassungen und Darstellungen. Vielseitiges Lesen im doppelten Sinne ist angesagt!
Es ist unsere Geschichte.
Holen wir sie uns zurück - in allen Disziplinen, in allen Epochen!
Rockers Begriff der "politischen Religion"
"Der Staat muss weg ! Bei der Revolution tue ich auch mit ! Untergrabt den Staatsbegriff, stellt
die Freiwilligkeit und das geistig Verwandte als das für ein Bündnis einzig Entscheidende auf -
das ist der Anfang einer Freiheit, die etwas wert ist ! Ein Wechsel der Regierungsform ist weiter
nichts als eine Pusselei mit Graden - ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger Torheit alles
zusammen... Der Staat hat seine Wurzeln in der Zeit, er wird seinen Gipfel in der Zeit haben. Es
werden größere Dinge fallen als er; alle Religion wird fallen." (Hendrik Ibsen)
[1]
Nationale Staaten sind nach Rocker "politische Kirchengebilde". Und "das sogenannte
Nationalbewusstsein, das dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen wird, ist eine
religiöse Vorstellung; man ist Deutscher, Franzose oder Italiener, wie man Katholik, Protestant
oder Jude ist".
[2] Religion ist die Einbildungskraft des Menschen, welche stets dieselbe
geblieben sei, denn "immer war es der Schein, dem das wirkliche Sein des Menschen als Opfer
dargebracht wurde".
Rocker versteht Religion dabei im weiteren Sinne: Angewandt auch auf Staaten und
Herrscherdynastien, welche sich mit dem Schein der Göttlichkeit umgaben, um durch den
"Glauben an die Unvermeidlichkeit der Macht" seitens der Untertanen ihre eigene Autorität zu
stabilisieren. Rocker zieht daraus den Schluss, das jede Politik letztendlich Religion ist, welche
danach strebt, bei den Untertanen nicht bloß materielle, sondern auch geistige Abhängigkeit zu
erlangen. Religion ist für Rocker ein "beharrende(s) Prinzip in der Geschichte", welches den
Geist des Menschen bindet und sein Denken in bestimmte Formen zwingt, "so dass er sich
gewohnheitsmäßig für die Erhaltung des Überlieferten einsetzt und jeder Neuerung
misstrauisch" gegenübersteht. Die Furcht ist dabei der Antrieb des Menschen, an den "alten
Formen des Bestehenden" festzuhalten. Alexander von Makedonien ist es gewesen,
[3] der nach
seinem Besuch der Oase von Siwah als erster das Gott-Königtum nach Europa getragen hatte.
Napoleon Bonaparte ließ sich als Atheist gerade,
[4] weil er erkannte, dass "keine Macht auf die
Dauer bestehen kann, wenn sie nicht fähig ist, im religiösen Bewusstsein der Menschen Wurzel
zu schlagen", sich 1804 vom Papst zum Kaiser krönen. Mussolini stellte gar den Kirchenstaat
wieder her,
[5] um sich den Frieden mit dem Vatikan zu erkaufen, den er für sein Ansehen im
Ausland als eine "moralische Stütze für seine imperialistischen Pläne" dringend brauchte.
Auch in den Reichseinheitsbestrebungen im römischen Sinne traten viele Herrscher als "von
Gottes Gnaden" berufen auf, von Karl dem Großen bis hin zu Wilhelm II.
[6] Jedem
Regierungssystem, ohne Unterschied der Form, liegt nach Rocker "ein gewisser theokratischer
Charakter zugrunde". Die Religion tritt im Laufe der Weltgeschichte immer stärker im
Gewande staatlicher Unabdingbarkeit auf: "Wie in der Religion Gott alles, der Mensch nichts
ist, so ist in der Politik der Staat alles, der Untertan nichts." Genauso, wie die Kirchen im
Kampf um deren Psyche den gottgläubigen Menschen über Jahrhunderte einredeten, sie seien
Sünder, so tut dies der Staat genauso, indem er dem Menschen immer wieder einredet, "im
Grunde seines Wesens mit den dunklen Trieben des geborenen Übeltäters behaftet" zu sein,
"der nur durch das Gesetz des Staates auf den Pfad der offiziell festgelegten Tugend gelenkt
werden könne." Mit seinem Zitat: "Der Glaube an die Nichtigkeit und das Sündhafte des
eigenen Daseins war von jeher das stärkste Fundament aller göttlichen und weltlichen
Autorität... Gebot und Gesetz sind nur verschiedene Ausdrücke desselben Begriffes", bringt
Rocker seine These von der Gleichheit von Religion und Politik auf den Punkt.
[7]
Gegenüber der Nation ist "jede gesellschaftliche Bindung... ein natürliches Gebilde, das sich auf
Grund gemeinsamer Bedürfnisse und gegenseitiger Vereinbarung organisch von unten nach
oben gestaltet, um die allgemeinen Belange zu schützen und wahrzunehmen". Dagegen ist "jede
staatliche Organisation aber... ein künstlicher Mechanismus, der den Menschen von
irgendwelchen Machthabern von oben herab aufgezwungen wird und der nie einen anderen
Zweck verfolgt, als die Sonderinteressen privilegierter Minderheiten in der Gesellschaft zu
verteidigen und sicherzustellen". Die Nation kann ohne Staat nicht existieren, ist dessen
künstliches Gebilde und "eines der gefährlichsten Hindernisse für die soziale Befreiung". Das
Volk dagegen ist das "natürliche Ergebnis gesellschaftlicher Bindungen...".
[8]
Jedes politische Machtgebilde hat das Bestreben, alle Gruppierungen des gesellschaftlichen
Lebens seiner Aufsicht zu unterstellen. So versucht es, alle Beziehungen der Menschen unter
sich durch die Vermittlungsorgane der staatlichen Macht zu regeln. In einer freien Gesellschaft
dagegen erscheint dem Menschen "jeder äußere Zwang sinnlos und unverständlich, fühlt er
doch selbst die volle Verantwortung, die sich aus den gesellschaftlichen Beziehungen zu seinen
Mitmenschen für ihn ergibt, und die er seinem persönlichen Handeln ohne weiteres zugrunde
legt".
[9] Daher besteht Freiheit "nur dort, wo sie vom Geiste persönlicher Verantwortung
getragen ist".
[10]
Mittelalter
Die Kirche präsentierte die "wahre Stellvertreterin des göttlichen Willens auf Erden". Sie war
von jeher darauf bedacht, der "Logik des Verstandes" keinen Raum zu lassen und an ihre Stelle
den Glauben an ein unentrinnbares Schicksal zu setzen. Die Expansionsbestrebungen der
Kirche kollidierten unter Papst Gregor VII vollends mit der weltlichen Obrigkeit,
[11] da jener
das "Vorrecht der Kirche über jede weltliche Macht" offen anstrebte. Papst Innocenz III "fühlte
sich als Papst und Cäsar in einer Person",
[12] bei Herabwürdigung der weltlichen Herrscher zu
"Vasallen seiner Macht". Die Macht werde auch den Ausübenden zum Verhängnis, da sie selbst
nur Sklave seiner Idee würden, was "jedem gesunden menschlichen Empfinden"
widerspräche.
[13] Die germanischen Stämme, einst von Volksversammlungen und anderen
basisdemokratischen Elementen charakterisiert, polarisierten sich zunehmend in Mächtige und
Hörige. Der "Wille zur Freiheit" machte allmählich dem "Willen zur Macht" platz. Auch hier
ortet Rocker eine neue Religion im weiteren Sinne, welche die Menschen daran gewöhne, sich
mit den Machtverhältnissen abzufinden.
[14] Die größte Machtentfaltung gelang immer dann,
wenn weltliche und geistliche Führer in Einklang miteinander waren, wie Karl d. Große oder
Chlodwig mit dem Papst.
[15] Doch es liege "im Wesen jedes Machtwillens, dass er eine
gleichberechtigte Macht nur so lange duldet, als er glaubt, sie seinen eigenen Zwecken dienstbar
machen zu können, oder so lange er sich noch nicht stark genug fühlt, den Kampf um die
Vormacht mit ihr aufzunehmen."
[16] So geschah es unter Gregor VII/ Innocenz III gegenüber
der weltlichen Herrschaft.
Reformation
Im Zeitalter der Reformation gerieten soziale Interessen auch mit den kirchlichen Interessen in
Konflikt. Das Bestreben der Reformatoren und im besonderen Martin Luthers war es,
[17] das
Gewissen der Menschen zwar von der Vormundschaft der römischen Kirche zu befreien, es
dann jedoch an den Staat zu binden, welcher Luthers Willen nach alle von Gott gegebene Macht
verkörpern sollte. Damit verriet er "die Sache des Volkes an die deutschen Fürsten" und
"verkuppelte die Religion mit der Politik des Staates...". Dabei wurde das "positive Recht" "zur
göttlichen Offenbarung, der Staat selbst zum Stellvertreter Gottes auf Erden". Des weiteren geht
Rocker in diesem Sinne auf die Entwicklung der Reformation in England, Böhmen und anderen
Ländern ein.
[18] Dabei kommt er zu dem Schluss: "Überall, wo der Protestantismus zu
irgendwelchem Einfluss gelangte, bewährte er sich als getreuer Diener des aufkommenden
Absolutismus und billigte dem Staate alle Rechte zu, die er der römischen Kirche abgesprochen
hatte". Das Autoritätsprinzip ist dabei dasselbe geblieben. Am Beispiel von Calvin benennt
Rocker deutlich die rücksichtslose Brutalität der neuen Glaubensform als Despotismus.
[19] Der
Protestantismus zeigte sich äußerst wissenschaftsfeindlich und somit dem menschlichen Geist
und seiner Logik gegenüber und wollte alle Erscheinungen streng nach dem Inhalt der Bibel
deuten. Folglich standen auch die Träger des aufkommenden Humanismus dieser Dogmatik
kritisch gegenüber und wandten sich zum Teil ab.
[20]
Rousseau [21]
Ausführlich beschreibt Rocker die Herausbildung der Demokratie in Frankreich nach 1789.
Deren Ausgangspunkt war im Gegensatz zum Liberalismus ein Kollektivbegriff. Sie bildet
automatisch eine Zwangsgemeinschaft, während der Liberalismus die Stellung der einzelnen
Menschen als gegeben setzt. Rocker spricht im folgenden vom Liberalismus nicht von einer
wirtschaftlichen Anschauung, sondern als einer sozialpolitischen Ideenströmung, eines
"organischen Geschehens, das sich aus den natürlichen Bedürfnissen der Menschen ergibt und
zu freiwilligen Bindungen führt, die so lange bestehen, als sie ihren Zweck erfüllen und sich
wieder lösen, wenn dieser Zweck gegenstandslos geworden ist".
[22] Hierbei hat der Staat
lediglich die Funktion, die Freiheiten der Individuen zu schützen. Der bedeutendste Vordenker
demokratischer Ideen war Rousseau, welcher ebenso vom Gesellschaftsvertrag, dem sozialen
Kontrakt, ausging und eine abstrakte Staatsidee erdachte, einen Idealstaat, den Rocker als
"künstlich konstruiertes Gebilde" charakterisiert, hinter dessen mechanischer Demokratie der
Mensch als Individuum verschwindet, da er es ist, der sich der Form des Staates anpassen
müsse. Rousseaus "Gemeinwille" (contrat social) umfasst dabei nicht den Willen aller, sondern
ist nur das Ergebnis aus dem bereits geschlossenen Gesellschaftsvertrag. Dieser ist
unumstößlich richtig, wie der Papst unfehlbar. In den Jahren der Französischen Revolution war
der jakobinisch geführte Nationalkonvent Hüter des volonte generale ("allgemeine Wille") und
duldete keine Macht neben sich. Versuche französischer Arbeiter, sich in Gewerkschaften zu
organisieren, wurden mit dem Tode bestraft. Der Idee des Gemeinwillens entsprang somit eine
neue Tyrannei. Deshalb ist Rousseau laut Rocker zu unrecht als "Apostel der Freiheit" gefeiert
worden. Sein Freiheitsbegriff befinde sich in einer "Zwangsjacke der Staatsgewalt". Sein
Menschenbegriff "war ein in der Retorte erzeugtes Kunstprodukt, der Homunkulus eines
politischen Alchimisten, der allen Anforderungen entspricht, die der Gemeinwille für ihn
vorbereitet hat. Er zielte dabei auf die völlige Zerstörung der Persönlichkeit eines jeden
Menschen ab. Der Mensch ist nach Rocker jedoch kein Automat, der sich in jede beliebige
Form einpasst, sondern beseelt von natürlichen individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen.
[23]
Französische Revolution
Die Diktatur Robespierres,
[24] welche ideell auf den Ideen Rousseaus fußte, setzte die
Gewaltenteilung außer Kraft, zentralisierte alle öffentlichen Bereiche, wie Verwaltung,
Religion, Gesetzgebung oder die Exekutive. Rousseau kann somit als Vordenker der Jakobiner
und des Staatssozialismus angesehen werden. Der Übergang von der Demokratie zur Diktatur
ist hierbei fließend. Ebenso schwerwiegend sind die sozial-psychologischen Folgen einer
solchen Herrschaft. Das natürliche Vertrauen der Menschen in ihre eigene Kraft wird
systematisch unterminiert, was ein geistiges Abhängigkeitsverhältnis schafft. Endprodukt
dessen ist der hörige Mensch, dessen Gedanken in der Hand der weltlichen Herrscher sind, wie
ehedem unter Kontrolle des Klerus. Die natürliche soziale Gemeinschaft der Menschen wurde
somit entwurzelt.
[25]
Die Jakobiner und besonders Robespierre umgaben sich und ihren neuen Staat ausgehend von
Rosseaus Werk vom "Gesellschaftsvertrag" mit göttlichem Schein. Wer sich der
Staatsgläubigkeit offen widersetzte, musste mit der Todesstrafe rechnen.
[26]
Rockers Begriff von der "politischen Religion" kommt auch hier voll zur Geltung; "die große
Revolution (hat nur) eine neue Phase religiös-politischer Abhängigkeit eingeleitet", wie er
betont. Die Abgeordneten im Konvent (Jakobiner genauso wie Girondisten oder Dantonisten)
schlüpften zum Teil nur in die Rolle von Monarchen, indem sie die politische Zentralisation
übernahmen und einem französischen Nationalismus Vorschub leisteten. Die Nation wurde
anstelle des Königs zur eigentlichen Trägerin des Gemeinwillens. Die Despotie der modernen
Nation ersetzte den König als Tyrannen. Die Volksvertretung nahm den Charakter des
Priestertums an, welches statt "Gottes Willen" nun den "Willen der Nation" vermittelte. Der
Machtkampf der Konventsparteien untereinander, sowie der spätere Aufstieg Napoleons ist
hinreichend bekannt und stützt Rockers These des "Willens zur Macht" als Motiv für Morde
und Kriege. Unter jeder Regierung trat dasselbe Ergebnis zutage: "Die Nation (war) alles, der
Mensch nichts !" Der moderne Nationalismus als religiös-politische Kraft entstand
[27]
Napoleon, selber Atheist, wusste dies für seine Pläne zu nutzen und sprach: "Ich liebe die
Macht wie der Künstler, wie der Geiger seine Geige liebt...".
[28]
Romantik
Kennzeichnend für die Epoche der Romantik war nach Rocker die Entwicklung von der
Heimatliebe über die "poetische Verklärung der deutschen Vergangenheit" bis hin zum
aggressiven Sendungsbewusstsein bei gleichzeitigem Franzosenhass und Deutschtümelei.
Exemplarisch für das letztgenannte verweist Rocker ausführlich auf Arndt, Kleist und Jahn,
[29]
welchen er verschiedener ähnlicher Eigenschaften wegen als Ahnherren Hitlers charakterisiert.
Die Romantiker (Rocker nennt auch Görres, Schenkendorf, Schleiermacher, Eichendorff und
Gentz) wandten sich ganz klar gegen die aufklärerischen Gedanken eines Lessing, Herder oder
Schiller und "träumten... von einer höheren Einheit des Lebens, in der alle Gebiete
menschlicher Betätigung - Religion, Staat, Kirche, Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Ethik und
Alltag - wie Strahlenbündelei in einem Brennglas zusammengefasst werden."
[30] Ausgehend
von einer wiederentdeckten "glänzenden Vergangenheit" der Deutschen tauften die Romantiker
selbiges zum "auserwählten Volk". Damit befanden sie sich ganz im Einklang mit Fichte, der in
den Deutschen ein "Urvolk" sah, welches als einziges Charakter besäße und zur Freiheit
berufen wäre in Form des alten Reiches unter Führung Österreichs. Ihm lag der Großteil der
deutschen Jugend als neue Generation zu Füßen, der von aufklärerischen Gedanken nicht mehr
erfasst wurde, wozu Rocker den militaristisch-konservativen Heinrich von Treitschke
folgendermaßen zitiert:
[31] "Es blieb ein krankhafter Zustand, dass die Söhne eines
geistreichen Volkes einen lärmenden Barbaren als ihren Lehrer verehrten." Von diesem Geiste
waren nach Rocker auch die deutschen Burschenschaften erfüllt. Vom reaktionären Charakter
der Romantik seien auch Wilhelm und Friedrich Schlegel, Steffens, Tieck, Adam Müller,
Brentano, Fouque, Zacharias Werner und viele andere erfasst worden.
[32]
Moderne Diktaturen
Im Faschismus als "eine primitive religiöse Massenbewegung im politischen Gewande" erreicht
die politische Religiosität u.a. in der Staatsverehrung ihren Höhepunkt. Diese Tatsache und die
hinzukommende Massenausbeutung trägt dazu bei, "alle natürlichen Beziehungen des
Menschen zu seinen Mitmenschen systematisch (zu unterbinden) und das Einzelwesen
gewaltsam aus dem Kreise einer Gemeinschaft" zu reißen, indem er "in allen Dingen als
Vermittler auftritt und versucht, jeden auf dieselbe Norm zu bringen, die für seine Träger das
Maß aller Dinge ist". "Das Gefühl der sozialen Verbundenheit und die inneren Beziehungen
von Mensch zu Mensch", welche stets auf Freiwilligkeit basieren und den Bedürfnissen der
Menschen entspringen, könne kein Staat erzwingen. Dagegen werde versucht, "den
mechanischen Menschen zu konstruieren... Automaten in Menschengestalt, die sich auf
eisernen Gliedern hin und her bewegen, gewisse Dienste verrichten..." Das gilt für Rocker auch
für den kapitalistischen Staat ohne faschistische Ausprägung.
Die Nation, religiös verehrt und egal ob faschistisch oder nicht, kann "alles verbergen: die
nationale Fahne deckt jedes Unrecht, jede Unmenschlichkeit, jede Lüge, jede Schandtat, jedes
Verbrechen. Die kollektive Verantwortlichkeit der Nation erstickt das Gerechtigkeitsempfinden
des Einzelwesens und bringt den Menschen so weit, dass er begangenes Unrecht überhaupt
übersieht, ja ihm dies sogar als verdienstvolle Tat erscheint, wenn es im Interesse der Nation
begangen wird". So würden "alle technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften in den
Dienst des organisierten Massenmordes" gestellt, die "Jugend zu uniformierten Totschlägern"
erzogen, "die Völker der geistlosen Tyrannei einer lebensfremden Bürokratie" ausgeliefert, die
"Menschen von der Wiege bis zum Grabe unter Polizeiaufsicht" gestellt, "überall Gefängnisse
und Zuchthäuser" errichtet und "jedes Land mit ganzen Armeen von Angebern und Spionen"
bevölkert. Es werde, um damit den "Geist der Abhängigkeit" zu stärken, ein System von
Vorgesetzten und Untergebenen konstruiert. Diese "fortgesetzte Bevormundung" des Handelns
habe die Menschen schwach und verantwortungslos gemacht, woraus letztendlich der "Ruf
nach dem Diktator" entstanden sei, als "ein Beweis der inneren Haltlosigkeit und Schwäche":
"Weil man sich selber zu schwach fühlt, setzt man sein Heil an die Stärke des anderen; weil
man selber zu feige oder zu eingeschüchtert ist, die eigenen Hände zu regen, um seines
Schicksals Schmied zu werden, vertraut man sein Schicksal anderen an." Jeder Diktatur liegt
nach Rocker somit ein "auf die Spitze getriebenes Abhängigkeitsverhältnis" zugrunde, welches
die schöpferischen Kräfte lähme, welche "sich nur in der Freiheit ungestört entfalten
können".
[33] Hinter der Nation stehe jedoch nur das "eigennützige Interesse machtlüsterner
Politiker und beutelustiger Geschäftsleute".
Den Glauben "an ein unvermeidliches Schicksal in der Vorstellungskraft des Menschen zu
vertiefen" war dabei das vornehmste Ziel von Machtpolitik.
[34] Die "Wundergläubigkeit", ein
"religiöse(r) Massenwahn" und ein "primitives Anbetungsbedürfnis der Massen", verstärkt
durch ihre Enttäuschung über die anderen Parteien, habe auch dem Nationalsozialismus erst die
Massenbasis geschaffen.
[35] Rocker betont: "Der Staat kann Untertanen oder... Bürger
heranzüchten, doch kann er nie freie Menschen heranbilden, die ihre Angelegenheiten in die
eigenen Hände nehmen, denn selbständiges Denken ist die größte Gefahr, die er zu fürchten
hat."
[36]
Auch in Richtung Marxismus stellt Rocker fest: "Man kann ein Volk nicht befreien, indem man
es lediglich einer neuen und größeren Gewalt unterstellt und so den Kreislauf der Blindheit von
neuem beginnt." Vielmehr gälte es, "den Menschen vom Fluche der Macht, vom
Kannibalentum der Ausbeutung zu befreien, um alle schöpferischen Kräfte in ihm zu lösen, die
seinem Leben fortgesetzt neuen Inhalt geben können." Erst durch die Erlösung der Menschheit
von Staat und Nation wachse die von Rocker definierte Gemeinschaft heran, welche auf
Freiheit und Selbstverantwortung basiert. Das wäre der tatsächliche Beginn eines "neuen
Menschentums".
[37]
Helge Döhring (FAU-Bremen)
Aus: Direkte Aktion Nr.150 März/April 2002
Originalquelle: >>>
www.fau-bremen.tk
Fußnoten:
[1] Brief an Georg Brandes vom 17. Februar 1873. Briefe von Henrik Ibsen, Berlin 1905, zit. N.
S. 426
[2] Vgl.: S. 196
[3] Alexander III. ("der Große") von Makedonien (356-323 v.Chr.) war der Sohn Philipps II.
und Schüler von Aristoteles. Er stieg zum König von Makedonien auf und eroberte das
Perserreich.
[4] Napoleon Bonaparte/ Napoleon I. (1769-1821) war zunächst französischer Feldherr, dann ab
1804 Kaiser der Franzosen. Scheitert bei der angestrebten militärischen Eroberung Europas
(Leipzig 1813/ Waterloo 1815) und wird zunächst auf die Insel Elba, dann nach St. Helena
verbannt.
[5] Benito Mussolini (1883-1945) engagierte sich zunächst als Sozialistenführer und Direktor
des sozialistischen Zentralorgans "Avanti" in Italien. Nach Ende des ersten Weltkrieges wurde
Mussolini Begründer der europäischen faschistischen Bewegung, übernahm 1922 die
Regierungsgewalt in Italien. Er wurde nach der italienischen Kapitulation 1943 im noch
faschistisch besetzten nördlichen Teil Italiens als Regent eingesetzt, bevor er im April 1945 von
italienischen Partisanen hingerichtet wurde.
[6] Karl der Große (742/3-814) war fränkischer König als Nachfolger Pippins III. und ab 800
Kaiser. Er schuf den größten Machtkomplex seit Untergang des Weströmischen Reiches und
gilt als Erneuerer des abendländischen Kaisertums. Wilhelm II. (1851-1941), seit 1888 König
von Preußen und Deutscher Kaiser, entließ 1890 Reichskanzler Otto von Bismarck aus seinem
Amt und betrieb gezielte Kriegspolitik, bis er 1918 durch die Novemberrevolution in
Deutschland zur Abdankung gezwungen wurde und seither als reicher und "entschädigter"
Mann mit Familie im holländischen Exil lebte.
[7] Vgl.: S. 36-51
[8] Vgl.: S. 193 ff.
[9] Vgl.: S. 109 f.
[10] Vgl.: S. 87
[11] Gregor VII (um 1023-1085) führte die Kirche im Investiturstreit gegen Kaiser Heinrich IV
auf den Gipfel ihrer weltlichen Macht.
[12] Innocenz III (Papst von 1198-1216) war in der Folge Gregors VII einer der mächtigsten
Päpste der Geschichte überhaupt und Vormund Kaiser Friedrichs II. Er personifizierte den
Höhepunkt kirchlicher Macht im Mittelalter.
[13] Vgl.: S. 56 ff.
[14] Vgl.: S. 60 ff.
[15] Chlodwig I (ca. 466-511) war seit 481 König der Franken und Gründer des fränkischen
Reiches.
[16] Vgl.: S. 66 f.
[17] Martin Luther (1483-1546) war der Begründer der reformatorischen Bewegung durch
seinen Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg 1517. Predigte er auch gegen den
Ablasshandel, so wurde er doch ein erbitterter Gegner der Unterdrückten im Bauernkrieg von
1524-1526. Als erster übersetzte er 1522 das Neue Testament und 1534 die ganze Bibel ins
Deutsche.
[18] Vgl.: S. 96 ff.
[19] Johann Calvin (1509-1564) war einer der einflussreichsten Reformatoren nach Luther,
wich von diesem jedoch in der Abendmahlslehre ab, weshalb seine Lehre auch Calvinismus
genannt wurde und besonders in der Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und den
angelsächsischen Ländern Verbreitung fand.
[20] Vgl.: S. 102 ff.
[21] Jean Jaques Rousseau (1712-1778) betätigte sich als Schriftsteller und Philosoph und gilt
als der geistige Wegbereiter der Französischen Revolution durch die Formulierung des Contrat
social.
[22] Vgl.: S. 153
[23] Vgl.: S. 156 ff.
[24] Maximilien de Robespierre (1758-1794) amtierte als führender Jakobiner während der
Französischen Revolution und übte als Vorsitzender des Wohlfahrtsausschusses diktatorische
Vollmachten aus, bis er 1794 vom Konvent angeklagt und hingerichtet wurde.
[25] Vgl.: S. 159 ff.
[26] Vgl.: S. 48 f.
[27] Vgl.: S. 167 ff.
[28] S. 173
[29] Ernst Moritz Arndt (1769-1860) gilt als geistiger Führer der deutschen Nationalbewegung.
Er engagierte sich als patriotischer und antinapoleonischer Dichter, sowie als Historiker und
Publizist. 1820 wurde er seines Lehrstuhles als Professor für Geschichte in Bonn als
"Demagoge" enthoben. 1848 wirkte er als Abgeordneter im Parlament in der Frankfurter
Paulskirche. Heinrich von Kleist (1777-1811) gilt als einer der bedeutendsten deutschen
Dramatiker und Erzähler, vermochte es jedoch wider eigener Ansprüche zu Lebzeiten nicht, aus
Goethes Schatten herauszutreten. Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) war Sprachforscher und
fungierte als eine der patriotischen Idealfiguren in der deutschen Nationalbewegung. Er wurde
1819 als "Demagoge" verhaftet und wurde 1848 Mitglied der Deutschen Nationalversammlung.
[30] Joseph von Görres (1776-1848) war Publizist und Vorkämpfer der deutschen katholischen
Bewegung. Max von Schenkendorf (1783-1817) Dichter, Friedrich Schleiermacher (1768-1834)
wirkte als evangelischer Theologe, Prediger und Philosoph, Joseph Freiherr von Eichendorff
(1788-1857) ist wohl der bekannteste Dichter in dieser Aufzählung, Friedrich von Gentz (1764-
1832) betätigte sich als politischer Schriftsteller und Mitarbeiter Metternichs.
[31] Heinrich von Treitschke (1834-1896) ist als Historiker und Vertreter des deutschen
Reichsgedankens bekannt geworden.
[32] Vgl.: S. 211 ff., August Wilhelm von Schlegel (1767-1845) übersetzte Shakespeare und
hielt Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Friedrich von Schlegel (1792-1829)
war dessen Bruder und betätigte sich als Dichter, Philosoph und Historiker in der Frühromantik.
Er begründete die indische Sprachforschung. Henrik Steffens (1773-1845) nahm an den
Antinapoleonischen Kriegen teil, war Naturforscher und als Schüler von Schelling ein
bekannter Philosoph. Ludwig Tieck (1773-1853) gilt als einer der bedeutendsten Dichter der
Romantik, vollendete die Shakespeare-Übersetzung Schlegels. Adam Müller (1779-1829)
arbeitete als Ökonom und romantischer Staatsphilosoph. Zusammen mit Heinrich von Kleist
gab er den "Phöbus" heraus. Clemens von Brentano (1778-1842) dichtete romantische Lieder
und Märchen. Er war der Bruder von Bettina von Arnim. Friedrich Fouque (1777-1843) war
deutscher Dichter de Romantik. Zacharias Werner (1768-1823) verfasste als Dichter
Schicksalsdramen.
[33] Vgl.: S. 241-250
[34] Vgl.: S. 70
[35] Vgl.: S. 245
[36] Vgl.: S. 184
[37] Vgl.: S. 250